Überlegungen zur Didaktik eines Anwärterlehrganges

Der »rote Faden« - Ein alternativer Weg zur Behandlung der Fußballregeln

Die Erfahrung hat gezeigt, dass jeder 5. Teilnehmer eines Neulingskurses bereits nach dem ersten Lehrabend die Segel streicht. Sie wurden gelangweilt und ihre Erwartungen an den Lehrgang wurden nicht erfüllt.

Statt von der Interessenslage der Aspiranten auszugehen, schreckt oftmals der Obmann die Teilnehmer am ersten Lehrabend mit langatmigen Ausführungen über die Probleme des Schiedsrichteramtes ab, und nach der meist umständlichen Klärung von Organisationsfragen darf dann endlich der Lehrwart »zur Sache« kommen. Das geschieht fast immer in der numerischen Behandlung der Fußballregeln: Die Ausmaße eines Fußballfeldes, Größe und Gewicht des Balles, die zulässige Zahl der Spieler sowie die vorschriftsmäßige Beschaffenheit der Fußballschuhe wird an den Mann/die Frau gebracht. Das große Gähnen setzt ein, und wenn am Schluss der Veranstaltung die Themen der nächsten Lehrveranstaltung genannt werden, nämlich »Der Schiedsrichter«, »Der Schiedsrichterassistent«, »Die Dauer des Spiels« und »Der Spielbeginn«, dann geht so mancher Aspirant mit seinen Fragen nach Hause (und beschließt, dort zu bleiben ...).

Was hätte den Anwärter interessiert? Typische Fragen sind: War der Feldverweis im letzten Länderspiel unserer Nationalmannschaft berechtigt? Durfte der Torwart einen zurückgespielten Ball mit der Faust über das Tor lenken? Wäre das nicht abseits gewesen? Zieht jedes Handspiel eine gelbe Karte nach sich?

Der Niedersächsische Fußballverband ein Konzept für Anwärterlehrgänge entwickelt, das weitgehend von den Wünschen der Lehrgangsteilnehmer bestimmt wird: Die Regel 12 (»Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen«) wird zu Beginn des Lehrgangs behandelt und bleibt im Mittelpunkt des gesamten Kurses. Dieses Lehrgangskonzept, das in vielen Kreisen seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich angewandt wird, wurde nur einmal nachgebessert. Weil viele Schiedsrichterkandidaten sich sicher sind, im Grunde schon alles zu wissen, wurde die Abseitsregel als Einstieg in die Lehrgänge gewählt, denn diese Regel ermöglicht eine Fülle von »Aha-Erlebnissen«. So gehen die Lehrgangsteilnehmer nach der ersten Instruktion mit dem Gefühl nach Hause, dass sich Besuch des Kurses gelohnt hat (und kommen wieder).

Der ROTE FADEN - Ein alternativer Weg zur Behandlung der Fußballregeln:


Regel* Spiel­fortsetzung**
     
Regel 11 (Abseits) E
Regel 12
(Erlaubtes/verbotenes Spiel)
Direkte Freistöße
Regel 14 (Strafstoß) M
Schüsse von der Strafstoßmarke
Regel 12 (Erlaubt./Verb. Spiel)
(Gefährliches Spiel; Körpereinsatz, ohne den Ball spielen zu können)
G H
Regel 13 (Freistoß)
(Ausführung)
Dir./ind. Freistöße
Regel 12 (Erlaubt./Verb. Spiel)
(Torwartspiel)
C I J
Regel 12 (Erlaubt./Verb. Spiel)
(Verstöße gegen Mitspieler)
F
Regel 12 (Unsportl. Betragen)
(Verwarnungen)
K L
Regel 5 (Der Schiedsrichter)
(Machtbefugnisse und ihre Grenzen)
Regel 9 (Ball in und aus dem Spiel)
Regel 3 (Spieler)
(Auswechselbestimmungen)
A
Regel 4 (Ausrüstung der Spieler) B
Regel 12 (Grob unsportl. Betragen)
Regeln 8, 15 - 17
(Spielfortsetzungen)
(Anstoß, Einwurf, Abstoß, Eckstoß)
D
Regel 6 (Weitere Spieloffizielle)
(zugleich Wiederholung der Regeln 15, 16, 17, 4, 12, 14, 8 und Behandlung der Regel 10)

*) Die Behandlung der Regeln 1 und 2 (Spielfeld, Ball) erübrigt sich, wenn bei der Behandlung der Regeln 3-17 jeweils die diese beiden Regeln tangierenden Fragen (z. B. Maße) mit angesprochen werden (z. B. bei der Strafstoßregel der Strafraum und der Teilkreis, bei der Einwurfregel die Seitenlinien usw.)

**) Die Buchstaben beziehen sich auf den nachstehenden Katalog von Regelverstößen, die einen indirekten Freistoß bedingen.


Spielfortsetzung »Indirekte Freistöße«

A

  1. Ein zu spät kommender Spieler betritt ohne Zustimmung des Schiedsrichters das Spielfeld
  2. Nach der Behandlung wegen einer Verletzung betritt ein Spieler ohne Genehmigung das Spielfeld
  3. Ein Juniorenspieler läuft während seiner Zeitstrafe auf das Spielfeld
  4. Ein Spieler, der wegen Mängel an seiner Ausrüstung vom Platz geschickt wurde, betritt ohne vorherige Überprüfung der Ausrüstung sowie ohne Billigung des Spielleiters das Spielfeld
  5. Ein Spieler verlässt ohne ernsthaft verletzt zu sein und ohne den Schiedsrichter gefragt zu haben das Spielfeld

B

  1. Ein Spieler spielt den Ball (ggf. auch mit dem Kopf), obwohl er einen Schuh verloren hat

C

  1. Der Torwart kontrolliert den Ball länger als 6 Sekunden mit den Händen

D

Der Ball wird nach einer Spielfortsetzung vom ausführenden Spieler ein zweites Mal gespielt, nachdem das Leder im Spiel ist und bevor ein anderer Spieler den Ball berührte und zwar

  1. nach einem Anstoß
  2. nach einem Einwurf
  3. nach einem Eckstoß
  4. nach einem direkten Freistoß
  5. nach einem indirekten Freistoß
  6. nach einem Strafstoß

E

  1. Bei einer strafbaren Abseitsstellung

F

  1. Einen Mitspieler treten oder versuchen, ihn zu treten
  2. Einen Mitspieler schlagen oder versuchen, ihn zu schlagen
  3. Einem Mitspieler das Bein zu stellen oder versuchen, ihn zu Fall zu bringen
  4. Einen Mitspieler anzuspringen
  5. Einen Mitspieler zu stoßen
  6. Einen Mitspieler festzuhalten sowie sich auf einen Mitspieler aufzustützen
  7. Einen Mitspieler mit unverhältnismäßigem Körpereinsatz zu rempeln
  8. Einen Mitspieler (fahrlässig) beim Tackling vor dem Ball berühren
  9. Einen Mitspieler anzuspucken bzw. es zu versuchen

G

  1. Treten nach dem Ball, den der Torwart in den Händen hält
  2. Dem Torwart den Ball aus den Händen köpfen
  3. Fallrückzieher »am Mann«
  4. Einen Spieler beim Scherenschlag gefährden
  5. »Kopf zu tief« (z. B. dem Gegner den Ball vor den Füßen wegköpfen und sich dabei selbst gefährden)
  6. »Fuß zu hoch« (zum Beispiel den Ball in Kopfhöhe des Gegners spielen und diesen gefährden)
  7. Den Ball mit gestrecktem Bein (zum Gegner hin) spielen
  8. Den Ball im Liegen zwischen den Beinen einklemmen (= auch unsportliches Verhalten)
  9. Den Ballblockieren, indem die Schuhsohle über den Ball gehalten wird

H

  1. Den Gegner korrekt rempeln, ohne dass der Ball in Spielnähe ist
  2. Den Gegner zu sperren, ohne den Ball spielen zu können

I

  1. Den Torwart in seinem Torraum rempeln, ohne dass dieser in Ballbesitz ist
  2. Den Torwart in seinem Torraum zu rempeln, ohne dass dieser den Gegner hindert bzw. sperrt
  3. Den Torwart daran hindern, den Ball ins Spiel zu bringen

J

  1. Der Torwart berührt den Ball erneut mit der Hand, nachdem er ihn freigegeben hatte und bevor ein anderer Spieler ihn berührt hat.
  2. Der Torwart berührt den Ball mit der Hand, den ein Mitspieler ihm absichtlich mit dem Fuß zugespielt hat
  3. Der Torwart berührt den Ball mit der Hand, nachdem er ihn direkt von einem Einwurf eines Mitspielers erhalten hat

K

  1. Bei Unterbrechung des Spiels wegen Kritik an Schiedsrichterentscheidungen
  2. Nach einer Spielunterbrechung wegen Beleidigung des Spielleiters (auch des SR-Assistenten oder eines anderen Spielers)

L

  1. Bei sonstigen Unsportlichkeiten wie z. B.
    • das Vortäuschen eines Zufallbringens (Schwalbe)
    • das Täuschen des Gegners durch einen Zuruf (z. B. »Lass«)
    • das Fordern einer persönlichen Strafe für den Gegner
    • den Gegner durch Gesten lächerlich machen
    • das Beklatschen von Schiedsrichterentscheidungen

M

Beim Strafstoß als angreifender Spieler vor der Ausführung in den Strafraum eindringen bzw. außerhalb des Strafraum vor den Ball laufen und

  1. wenn der Ball von der Latte oder vom Pfosten ins Spielfeld zurück prallt
  2. wenn der Ball vom Torwart ins Spielfeld abgewehrt wird
  3. wenn der Strafstoßschütze in unsportlicher Weise täuscht und der Ball von der Latte, vom Pfosten oder vom Torwart ins Spiel zurück springt
  4. wenn der Torwart den Ball zur Ecke abwehrt